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Niedersachsen – Ein Land entsteht

von Olaf Reichert


Zum 1. November 1946 tritt die Verordnung zur Gründung des Landes Niedersachsen in Kraft.  
Abb. 22: Zum 1. November 1946 tritt die Verordnung zur Gründung des Landes Niedersachsen in Kraft.

Abwechslungsreich, wirtschaftlich stark, aufstrebend und jung. So präsentiert sich Niedersachsen 70 Jahre nach seiner Gründung am 1. November 1946. Kein anderes deutsches Land ist so vielfältig wie die Region zwischen Ems und Elbe, Küste und Harz, Heide und Weserbergland. Heute kann Niedersachsen auf sieben sehr ereignisreiche Lebensjahrzehnte zurückblicken und mit großer Zuversicht in die Zukunft schauen. Seit 1946 wurden große Herausforderungen bewältigt und wichtige Weichenstellungen vorgenommen. Dabei war Niedersachsens Anfang alles andere als einfach. Man kann auch sagen, das Land hatte eine schwere Geburt.

Ein schwieriger Anfang

Nach Kriegsende 1945 war das spätere Niedersachsen gezeichnet. Die Mehrzahl der Städte wie Hannover, Braunschweig, Osnabrück, Hildesheim, Emden, Wilhelmshaven und das spätere Wolfsburg waren vom Bombenkrieg schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Wirtschaft lag am Boden, Millionen Menschen waren heimatlos, ausgebombt, vor dem Krieg im Osten geflohen oder aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße vertrieben. Die Nahrungsmittelversorgung war schlecht. Die Not war groß.

So, wie im späteren Niedersachsen sah es in weiten Teilen der britischen Besatzungszone aus, ein Gebiet, das die heutigen Länder Nordrhein-Westfalen im Südwesten, Schleswig-Holstein im Nordosten, den Stadtstaat Hamburg und mittendrin Niedersachsen umfasst. Früh leuchtete den Briten ein, dass sich ein so großes Gebiet nicht zentralistisch verwalten ließe. Eine Einteilung der Zone in Länder mit entsprechenden Verwaltungsstrukturen war der notwendige Schritt. Während man bei Schleswig-Holstein und Hamburg auf historisch gewachsene Strukturen und Grenzen zurückgreifen konnte, boten sich diese Möglichkeiten bei Nordrhein-Westfalen und insbesondere beim späteren Niedersachsen nicht. Nach dem Willen der Briten sollten vier Länder das neue Land bilden, vier Länder mit eigenen, Jahrhunderte alten Traditionen, Errungenschaften und Eigenarten sowie ausgeprägten Rivalitäten und Vorbehalten gegeneinander: Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe.


Ein Name – viele Assoziationen

Und auch der Name Niedersachsen war nicht unbelastet – zumindest wurde er in Hannover gänzlich anders gesehen als etwa in Braunschweig und Oldenburg. Im 19. Jahrhundert geprägt – zunächst als regionale Abgrenzung zu Westfalen, dann als politische Abgrenzung zu Preußen, dass nach dem Deutschen Krieg 1866 das Königreich Hannover annektiert hatte – war der Begriff Niedersachsen bei den welfentreuen Bürgern der preußischen Provinz Hannover positiv besetzt. In den Nachbarländern jedoch stand der Begriff Niedersachsen für den Versuch des großen Nachbarn Preußen, sich ihre Gebiete einzuverleiben.

Für die britische Besatzungsmacht waren diese Ressentiments unerheblich. Sie stand vor der Aufgabe, ihre Zone möglichst effektiv zu verwalten. Die Niedersachsenlösung erschien dabei zweckmäßig, da nach Kriegsende geschaffenen Militärverwaltungsstrukturen nicht geändert werden mussten. Die Briten fanden in Hinrich Wilhelm Kopf – zunächst Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover und ab der Neugründung des Landes Hannover im August 1946 dessen Ministerpräsident – einen engagierten Verbündeten. Versuche anderer Ministerpräsidenten, etwa des oldenburgischen Regierungschefs Theodor Tantzen, den Briten andere Lösungen schmackhaft zu machen, scheiterten. Die Verordnung Nr. 55 der Britischen Besatzungshoheit vom 8. November 1946 stellte die Gründung des neuen Landes Niedersachsen fest, der Geburtstag wurde auf den 1. November 1946 rückdatiert.


Eröffnung des niedersächsischen Landtages 1946
Eröffnung des niedersächsischen Landtages 1946

70 Jahre später

Was ist von dieser vor 70 Jahren erbittert geführten Auseinandersetzung geblieben? Die Antwort fällt heute leicht: nichts. Wir Niedersachsen sind zusammengewachsen. Niemand würde heute mehr ernsthaft eine Herauslösung einzelner Landesteile fordern, wie es Anfang der 70er Jahre noch diskutiert wurde. Wir sind uns unserer Vielfalt bewusst und es ist auch gar nicht schlimm, dass es DIE Niedersächsin und DEN Niedersachsen nicht gibt. Es gibt die Ostfriesen, die Heidjer, die Harzer, die Oldenburger, die Emsländer, die Wendländer, die Hannoveraner, die Braunschweiger… und sie alle zusammen - wir alle zusammen - sind Niedersachsen.

Woran liegt das? Zunächst hat die Landesverfassung in kluger Weise den Eigenheiten der Gründerländer in der sogenannten Traditionsklausel von Anfang an Rechnung getragen. Wichtiger ist aber eine Landesentwicklung, die den ursprünglichen Befürchtungen entgegen alle Landesteile berücksichtigt hat – und das von Anfang an. Alle Landesregierungen hatten und haben das Wohl des gesamten Landes im Blick.

Im Herzen Europas

Nach Jahrzehnten der Ost-West-Konfrontation, die Niedersachsen in eine Randlage rückte, liegt unser Land heute im Herzen Europas. Wichtige Verkehrsachsen treffen sich hier bei uns. Unternehmen von Weltgeltung haben hier ihre Heimat. Niedersachsen ist Agrarland Nummer 1 und Vorreiter einer modernen Energieversorgung für die gesamte Republik. Neue Verkehrs- und Kommunikationswege haben Entfernungen zusammenschrumpfen lassen. Nicht zuletzt das zunehmende politische und wirtschaftliche Gewicht Niedersachsens innerhalb der Bundesrepublik hat ein ruhiges und selbstbewusstes Niedersachsengefühl befördert.

70 Jahre nach seiner Gründung kann man mit Recht sagen, nach einer schweren Geburt und einer schwierigen Kindheit hat sich Niedersachsen sehr gut entwickelt. Unser Land ist abwechslungsreich, stark, aufstrebend und jung. Freuen wir uns auf die nächsten Jahrzehnte – in Niedersachsen.
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